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Kann der Amazonas versteppen ?
Unter "Versteppung" versteht man das fortschreitende Austrocknen eines Ökosystems, hervorgerufen durch Rodungen, Eingriffe in den Grundwasserhaushalt, Flussbegradigungen, Überweidung usw. - kurz, durch den Menschen. Ist der Prozess erst einmal in Gang geraten, ändert sich das lokale Klima und trägt verstärkend zur weiteren Vertrocknung bei. Versteppung gilt als Vorstufe von Desertifikation (auch "Wüstenbildung"), also dem endgültigen Tod der Landschaft. Bei diesen Begriffen denkt man gewöhnlich zuerst an Gebiete wie die Sahelzone. Doch die Regenwälder des Amazonas sind gegen Versteppung keineswegs immun. Der Wald trägt aktiv zur Bildung seines Klimas und seiner Böden bei. Auf einem von ihm selbst gehegten Teppich aus und unter einer Glocke aus Eigenverdunstung produziert er einen Grossteil seiner Nährstoffe und seines Wassers auf eigener Kraft. Greift man in diese komplexen Metabolismen ein, kann dies fatale Folgen haben: Wird die Vegetation zerstört, verlieren die Böden ihre Fruchtbarkeit oder verschwinden. Sind die Böden dahin, verändert sich früher oder später auch das lokale Klima, was letzlich auch das Weltklima mitbeeinflusst. 

Kann der Amazonas versteppen?
Untersuchungen des Wissenschaftlerteams unter der Leitung von Daniel Nepstad vom Woods Hole Research Institute in Massachusetts zeigen, dass sich ein solcher Prozess in Gang setzen könnte, nachdem 50 Prozent der Amazonaswälder verschwunden sind. In einem engen Wechselspiel mit dem weltweiten Treibhauseffekt entstünde an dieser Stelle ein kaum noch zu bremsender Teufelskreis. Derzeit reicht die Verdunstung über dem Amazonasbecken noch aus, um feuchtwame Meereswinde anzuziehen, die einerseits zusätzliche Niederschläge bringen und andererseits zur Kühlung des Atlantischen Ozeans beitragen. Rodungen reduzieren die Verdunstungsmenge und führen so indirekt zu einer Erwärmung des Ozeans, was wiederum eine Zunahme von Wirbelstürmen über dem Meer und weniger Niederschläge zu Lande zur Folge hat. Bis heute sind 20 Prozent der Regenwälder des Amazonasgebiets zerstört, weitere 22 Prozent gelten als geschädigt und hochempfindlich. Nach der Meinung von Daniel Nepstad könnte das System bei einer erneuten Reduzierung um diese Faktoren kippen.

Computersimulationen im Rahmen einer Studie der Umweltorganisation WWF zeigen, dass allein auf der Basis der aktuellen Raten von Rodungen, Landwirtschaft und Viehzucht die kritische Grenze von 50 Prozent bereits zwischen 2030  und 2050 erreicht werden könnte. Sollten zusätzlich Niederschläge ausbleiben, was als wahrscheinlich gilt, würden die Regenwälder um weitere  4 Prozent reduziert. Die direkten und kumulativen Folgen ausbleibender Niederschläge haben Daniel Nepstad und seine Mitarbeiter mit Hilfe eines Grossversuchs im Bundesstaat Pará untersucht, bei dem ein Hektar Regenwald durch Plastikfolien von Regenfällen abgeschitten wurde. Schon ab dem  zweiten Jahr kam es zu wichtigen Veränderungen: Die Bäume reagierten zunächst durch Wachstumsreduktion, doch schon im Folgejahr fielen die ersten Riesen und beschädigten dabei das geschlossene Blätterdach. Nepsted weist darauf hin,  dass bereits der anfängliche Wachstumsstopp grossen Einfluss auf den Treibhauseffekt hat, da hierdurch weniger CO2 aus der Atmosphäre gebunden wird. Gegenwärtig bindet die Vegetation des Amazonasbeckens noch ein Vielfaches der jährlich durch den Mensch produzierten Emissionen an CO2. Eine kumulative Versteppung der Regenwälder bis zur völligen Austrocknung würde unweigerlich zu einer weiteren - und schnelleren - Erwärmung der Erdmatmosphäre führen.

Gegenwärtig verliert unser blauer Planet jährlich 12 Millionen Hektar fruchtbare Böden - etwa die gesamte Agrarfläche Deutschlands  - durch Desertifikation und Versteppung, mit steigender Tendenz.  In Tunesien gilt die Hälfte aller Agrar-, Forstwirtschaft- und Weideflächen als bedroht. Bis 2050 könnten dort durch Desertifikation 50% Prozent der Wälder, 30% der Grundwasserreserven und 20% der Getreideanbaufläche verschwunden sein (mehr dazu hier und hier). Die berühmten Höhlenmalereien von Tassilli in der algerischen Sahara zeigen, dass noch vor etwa 6000 Jahren weite Flächen Nordafrikas grüne und von Grosswild beweidete Graslandschaften waren. Damals führte eine Veränderung in der Neigung der Erdachse zu rapiden Veränderungen im Wasserkreislauf und natürlicher Wüstenbildung. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass der Mensch nicht in der Lage wäre, solche Veränderungen "künstlich" zu erzeugen. Zu Zeiten der Römer galt die iberischen Halbinsel als so durchgehend bewaldet, dass ein Eichhorn nicht den Boden berühren musste umd es zu durchqueren. Die blieb bis etwa zum frühen Mittelalter so. Heute gelten etwa 10% der Fläche Spaniens als Wüste.