visitamazonas.com.br

Startseite arrow Der längste Fluss der Erde
Der längste Fluss der Erde
Die Länge der beiden mächtigsten Flüsse der Erde, Amazonas und Nil, unterscheidet sich nur um wenige hundert Kilometer. Seit den ersten Vergleichen vor rund 100 Jahren sorgen geographische Entdeckungen und neuartige Messungsmethoden für anhaltende Diskussionen unter Fachleuten und Laien. Zwar übertrifft der Amazonas den Nil in Punkto transportierter Wassermenge um das 30-fache, doch was die Länge angeht, liegen die beiden grossen´Ströme Kopf an Kopf: Schulbücher vermerken in der Regel rund 6.650 km für den Nil und nur 6.448 km für den Amazonas.

Bis ins frühe 20. Jahrhundert galt die Quelle des Marañón Stroms, dem wasserreichsten Oberlauf des Amazonas, in der Nähe des Lauricocha Sees in den nördlichen peruanischen Anden als der am weitesten vom Atlantik entfernte Punkt des Amazonasbeckens. Die Suche nach weiter südlich liegenden Quellen begann in den 1930er Jahren. 1934 brachte der peruanische Geologe Gerardo Dianderas 1934 den in Südperu entspringenden Ukayali ins Spiel, und 1953 glaubte der französische Entdecker Michel Perrin mit den Quellen des Rio Tambo - eines Seitenarms des Ukayali - am Cerro Huagra (5239 Meter) den Ursprung des Amazonas gefunden zu haben. 1969 schlug dann der peruanische Geograph Carlos Peñaherrera del Aguila erstmals den nur etwa 160 km westlich des Titicaca Sees gelegenen Nevado Mismi (5597 Meter) und den dort entspringenden Carhuasanta - ein Quellbach des Apurimac, seinerseits ein Zufluß des Rio Tambo - als mündungsfernste Quelle vor. Entsprechende Schätzungen ergaben eine Gesamtlänge des Amazonas von 6448 km, gemessen vom Carhuasanta/Lloquera über den sogenannten Canal do Norte - einen der Hauptarme im Mündungsgebiet des Amazonas - und den Atlantik.

1971 bestätigte eine kartographischen Studie des National Geographic Society Peñaherreras Idee. Daraufhin entsandte das National Geographic Magazine ein Team unter der Leitung des Fotografen Loren McIntyre in die Region des Nevado Mismi, und ein im Oktober 1972 erschienener Artikel machte den Schmelzwassersee "Laguna McIntyre" an den Hängen des Nevado Mismi als Quelle des Amazonas weltbekannt. 1996 besuchte eine Expedition der Royal Geographical Society unter der Leitung des Journalisten Jacek Palkiewicz die Region und bestimmte einen anderen Nebenarm des Apurimac, den nur wenige Kilometer entfernt verlaufenden Apacheta, als erste Quellregion des Amazonas.

In der Folge veröffentlichte Angaben zur Gesamtlänge des Amazonas rechneten, anders die Messungen von 1969, den als Canal de Breves oder Rio de Breves bekannten Flussarm südlich der Marajó Insel, der durch den Unterlauf des Rio Pará mit dem Atlantik verbunden ist, mit ein. Hierdurch vergrösserte sich die Länge des Amazonas um 300 km auf insgesamt 6.750 km - rund 80 km mehr als der Nil. Kritiker dieser Sichtweise erinnern daran, dass der Rio Pará nicht zum Amazonasbecken gehört, sondern zu einem anderen mächtigen Flussbecken Brasiliens, dem Tocantins. Befürworter fühlen sich dagegen durch die Meinung des berühmten brasilianischen Geographen und Geologen Asiz Ab'Saber bestätigt, die beiden Flussmündungen seien aufgrund ihrer komplexen Wechselwirkungen als Ganzes zu betrachten.

2007 und 2008 schliesslich vermaß ein Team von brasilianischen und peruanischen Wissenschaftlern (Spezialisten des INPE - Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais, ANA - Agência Nacional de Águas, IGBE - Instituto Brasileiro de Geografia e Estatatistica und IGN - Instituto Nacional Geográfico de Peru) die Region des Nevado Mismi mit Hilfe moderner Technologien und bestätigte Palkiewicz' Befund von 1996: der Apacheta ist rund 10 km länger als der Carruhasanta und somit die mündungsfernste Quelle des Amazonas. Die in den anschliessenden Publikationen angestellten Berechnungen auf der Basis von Satelitenfotos zur Länge des Amazonas ergaben - ebenfalls unter Einbeziehung des Canal de Breves und des Unterlaufs des Rio Pará - eine Gesamtstrecke von 6.992 km , von der Quelle des Apacheta bis zur Mündung der Marajó Bucht. Neu bestimmt wurde unter Verwendung derselben Technologie auch die Länge des Nils: für sie wurden 6.853 km berechnet - 200 km mehr als bisher in der Literatur vermerkt, unter dem Strich aber 145 km weniger als der Amazonas.

Skeptische Nil-Fans halten dagegen, der Amazonas gewinne die entscheidenden Kilometer durch die aus hydrologischer Sicht anfechtbare Definition seines Verlaufs nahe der Mündung. Der Umweg über den Canal de Breves rund um die Marajo Insel verliefe teilweise entgegengesetzt zur Richtung der Hauptflusses - durch Einbezug von Flusskanälen liesse sich auf die gleiche Weise auch die Länge des Nils weiter strecken. Andererseits rechnen Fachleute aus verschiedenen Gründen damit, dass der Amazonas langfristig das Rennen für sich entscheiden wird. Zum einen ist das verfügbare Kartenmaterial über den genauen Verlauf des Amazonas und seiner Quellflüsse nach wie vor ungenauer als das des Nil - etliche auf Karten mit niedriger Auflösung nicht sichtbare Kurven und Windungen dürften zukünftige Messungen zu seinen Gunsten beeinflussen. Zum anderen verlagert der gewaltige Fluss sein Delta durch Sedimentablagerungen jährlich um etwa 1 Kilometer in den Atlantik hinaus, und sollte so eventuell fehlende Kilometer in wenigen Wimpernschlägen geologischer Zeitrechnung aufgeholt haben.